FILM 5/1965

Eine deutsche Filmzeitschrift

Film 5/65
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 46

Zum zweiten Male:

Bazon Brock: Ein Kritiker dessen, was es noch nicht gibt

Ein Modell der Versöhnung

Die Kamera schwenkt, kippt ab. In der Bilddiagonalen liegt, was von Kritikern als die wahre, saubere und sympathische Liebe identifiziert wurde. Er liegt seitlich auf sie gelehnt. Während in Kopfhöhe das Geschehnis nicht mehr verfolgbar wird (Haare decken Dich zu), bleibt es weiter unten sehr eindeutig. Seine liebende Hand sucht ihre liebenden sekundären Geschlechtsmerkmale auf, ergreift von ihnen liebenden Besitz durch heftige Umschreitung derselben mittels der Finger und Handballen. Da wahre Liebe nicht aufeinander, sondern seitlich gegeneinander liegt, ist der Kamera trotz Zunahme der Exzessivität weiterhin Einblick ins Geschehn möglich. Also: nunmehr läßt er seine Hand vom schon Seinen ab, wandert durch Vergrößerung des Winkels zwischen Unter- und Oberarm über den lastexverspannten Bauch in Richtung rechten angewinkelten Oberschenkel mit deutlich erratbarer weiterer Aktionsrichtung. Da aber faßt fest und eindeutig sie zu, mit ihrer freien rechten Hand führt sie ihn zurück zu schon Gewährtem, zurück an ihren Busen. Die Kamera bleibt starr, verharrt, denn sogleich wird seine Hand einen erneuten Versuch tun, der aber auf gleiche Weise sinnvoll scheitern muß, denn wahre Liebe baut sich sinnvoll auf.

Fürs lebensbejahende Placet des Kritikers ist es wichtig, erkennen zu können, daß sich zwei erst nach inneren Kämpfen und wiederholten seelischen Verschränkungen aufeinander ganz einlassen dürfen. Dergleichen folgt im gegenseitigen Eingeständnis der Liebenden, daß „jeder auf irgendeine Weise so allein ist“, daß beide reif geworden durch Leid ohne Lust: denn sie „hatte zwar den Vater meines Kindes sehr sehr lieb“, dennoch wurde daraus ein uneheliches Kind: er wurde von seiner Frau verlassen, weshalb er sich nur noch betrinken konnte, bis ihm nunmehro die attestierte wahre Liebe begegnet. Unter einem ebenfalls einsamen Baum. Auch kniet er dabei vor ihr, läßt seinen männlichen Kopf in den mütterlichen Schoß zurückfinden und trägt nachher ihre Hosen nach Hause. Als es wieder einmal „Nachher“ ist, geht er an den Eisschrank, um Bier zu holen.) Dabei zeigt dann die wahre Liebende, was an artistischen Fähigkeiten in ihr stecken muß, um mit dem Bierglas in der Hand lieben zu können, dabei noch das Bettuch in Schulterhöhe festzuhalten und gekitzelt zu kichern. Obwohl etwa die Garbo über weit größere schauspielerische Fähigkeiten verfügt als unsere Christina Schollin, braucht sie in Mata Hari nur nachher zu rauchen und das auch nur im Dunkeln. Man sollte einmal untersuchen, was wahre Liebende in wahren Liebesfilmen nachher tun. Vorher sehen sie vielleicht in einem Zoo sich paarende Paviane, wiederum wie unsere Christina Schollin als Anita und ihr lieber John. Frau Schollin ist deshalb namentlich so drastisch anzusprechen, weil sie sich eben als Frau Schollin zum oben Beschriebenen äußerte: „Dieser Film hat eine Botschaft. Ich hätte mich niemals für einen Sensationsfilm zur Verfügung gestellt. Die einsame junge Mutter Anita ist das schönste Frauenporträt, das je in einem schwedischen Film zu sehen war. Daß ich dazu meinen Teil beitragen konnte, macht mich sehr glücklich. Nach ,Das Schweigen‘ und ,491‘ sowie anderen Perversitäten bedurfte es eines Films wie ,Lieber John‘ als Zeichen der wirklichen Liebe.“

Tiere lieben anders, und es macht glücklicher, ihnen zusehen zu dürfen, als sich liebende Menschen wie im „Schweigen“, das Frau Schollin als Perversität empfindet, da es noch ein bißchen wahrer ist als die wahre Liebe, verkörpert (oder besser noch verseelt) in Frau Schollin, die nicht schweigt, sondern dummes Zeug schnattert: „Du bist mir einer“ (als er von hinten seitlich unter ihren Pullover greift) und „Darfst du denn das“ (als er seitlich vorm Vorhang sein lustvolles Augenpaar auf sie richtet, während sie sich abhalftert, natürlich mit dem nackten Rücken zur Kamera, den nackten Bauch ihm zugewandt). Dann aber steigt sie doch noch ins Nesselhemd („ich habe auch eins aus Nylon, das ist durchsichtig“), die nächste Einstellung schon zeigt ihn unterm Bettuch, sie hinzusteigend, und dieweil das vor dem Kinoauge rettende Bettuch erreicht ist, zieht er ihr das Hemd nach oben hin aus, während sie sich simultan von unten her bedeckt. Und dann erzählen sie sich wieder eins in Großaufnahme, was Frau Schollin wahrscheinlich dazu verführt hat, zu glauben, sie halte für ein Frauenporträt her, „für das schönste des schwedischen Films“. Immerhin aber auch für das dümmste und verlogenste des schwedischen Films, das uns mittels der Erklärung, wir seien alle irgendwie einsame, junge Mütter, zur gleichen Einverständnis erheischenden Dummheit und Verlogenheit rumkriegen will. Der Regisseur Lindgren will uns rumkriegen mit dem mundvollen Hinweis auf seine Fähigkeiten, die Errungenschaften moderner Filmmacher souverän zu mißachten, weil er sie nicht nötig habe, denn für ihn habe die Form hinter den Inhalt zurückzutreten. Im übrigen zeige ja auch er Zwischenschnitte, gestaffelte Rück- und Vorblenden und montierte Sequenzen wie „Hiroshima mon amour“, welcher Film erst, na nun raten Sie mal, erst nach dem Lieben John entstanden sei! Derartige Schafsköpfigkeit schwächt die Unredlichkeit des Regisseurs nicht ab. Unredlich ist er. Denn wie Bergman im „Schweigen“, wenn auch auf Bundesliganiveau, sich korrumpiert, indem er den lieben Gott höchst persönlich dafür herhalten läßt, daß sich die Damen betätigen, so Lindgren, indem er kurzerhand, was durch eine Schachtel Konfekt abgetan wäre, in ein eheliches Versprechen münden läßt (der liebe John: „Es kann ja auch mal die Richtige sein, nicht immer bloß, was du denkst“). Damit dürfte der Film für den Papst, die Familienminister und sogar für Axel Springers Organe gerettet sein: „Eine positive Überraschung“ meinte das Hamburger Abendblatt, „eine Verherrlichung der Liebe“. Selbst Sinneslust wird plötzlich „erfrischend“, man zeigt sich „aufgeschlossen gegenüber dem Physischen“, wie die BZ es ihren Unmündigen über 18 Jahre sagte. Was da als „Film gegen das Schweigen“ gefeiert wird, ist ausschließlich der Anlaß für Schreiber, sich selbst Wohlanständigkeit und dem Leben einen Verlauf nach ihren Vorstellungen zu bescheinigen. Man sieht, die Reaktion marschiert, wenn es sein muß, auch nackt. Kann man das als Fortschritt gegenüber Stehkragen und Soutane feiern?

Entscheidender aber als dergleichen Rankünen und Torpedos gegen die Aufklärung unter Aneignung ihrer Mittel zum alten Zweck der Unterdrückung des Sexus, zur Restaurierung und Konservierung gesellschaftlicher Verträge, die sich durch ihre Unangemessenheit leider selber nicht aufheben – entscheidender für das Selbstverständnis der Filmmacher sollte die Erkenntnis sein, daß sich aus dem sogenannten Leben (wie es sich täglich unter uns ereignet – was soviel heißt wie ein Roman, den das Leben schrieb) nichts, aber auch reinweg nichts herausklauben läßt, um daraus ein artifizielles Machwerk, die Organisation signifikanten Materials zu betreiben. Der Regisseur Lindgren dürfte in dieser Hinsicht ein harmloses Gemüt sein eigen nennen, wenn er bekennt, daß die Probleme seiner Filme seine eigenen seien. Daß sie ganz eng umrissen aus dem Verhältnis zu seiner Frau entstünden. Da er diese Probleme uns also in „Lieber John“ vorträgt, müßten er und seine Frau sich im Bett Filme vorführen, rechtens, um sich zu verständigen, anstatt sich zu umarmen. Soweit geht der nicht, weil er nicht weiß, wovon er spricht. Also weiß er auch nicht, was er tut. Die Erkenntnis von der Nichtreproduzierbarkeit individuellen Lebens zeigt sich objektiv auch darin, daß offenbar etlichen hundert Millionen Menschen hüben und drüben nur die Kopulation als kleinstes gemeinsames Vielfaches bleibt und das, was sich davon gesellschaftlich reproduzieren läßt: die Erweckung der Vorlust.

Da es dem natürlichen Bewußtsein heute schwerfällt, sich zu identifizieren in Fremdem, Objektivem, wozu vor allem Geld gehört als Mittel der Aneignung und Arbeit des Subjekts nur insofern, als das Geld erarbeitet werden muß, fällt es ihm um so leichter, die vermeintlich gesellschaftlich nicht vermittelten Formen des Lebens (das sind die des Sexus) als die eigenen anzunehmen, weil sie allen gleich eigen sind als die bestimmendsten Attribute, über die alle gleichermaßen direkt verfügen zu können glauben. Folgerichtig gehörte zu den ersten ausgeprägten Forderungen der Utopisten kommunistischer und sozialistischer Gesellschaftsordnungen die der freien Liebe. Und genauso folgerichtig scheiterte ihre Durchsetzung als erste, da sie eben nur vermeintlich nicht auch gesellschaftlich vermittelt sind. Die Sanktion des Sexus als christliche Ehe so gut wie die Verurteilung der Prostitution als gottverlassene Sünde. Und was zwei in ihrem Bett treiben, ist durchaus nicht bloß durch sie selbst bestimmt, die „Intimsphäre“ gerade die einzige der modernen Subjektivität, Erfahrungen zu machen, die nicht immer nur ohne Begriffe, also ohne Inhalt bleiben. Auch jenseits des Lustprinzips bleibt der Coitus ein Modellfall der Versöhnung von Subjekt und Welt. Und darin liegt allein die sogenannte Anstößigkeit des Sexus als Moment des anständigen, als Auftreibendem, Unabdingbarem, Ausschließendem, Absolutem, was ja wohl nicht Kategorien der bürgerlichen Intimsphäre sind, sondern die des Geistes. Aus diesem Grunde wird die Lust in allen selbstverharrenden gesellschaftlichen Ordnungen, in latent totalitären, als die eine jede gekennzeichnet ist, domestiziert wie die äußere Natur: als domestizierte aber unter Umständen benutzt, den Irrationalismus etwa des Konsumverhaltens auf Handfestigkeiten umzubauen, das Herrschaftsprinzip aufzulockern und Zwang in Eigenverhalten abzudrehen. Selbst die Motivation von Weltanschauungen bedient sich ihrer, und mens sana in corpore sano hieß immer nur: wer nicht funktioniert, ist krank. Dagegen erhält selbst die blödeste Nackttänzerei als Raggare (übrigens mit der nackten Christina Schollin) das Aroma möglicher Befreiung aus dem Elend, der Misere des schmuddeligen kleinen Privatlebens sowie der niederträchtigen Aufforderungen der Sparkassen und Bürgerpolitiker: Hast Du was, so bist Du was! Ihnen paßt, Lust nur als eine weniger einsichtige Form des Reglements, der Besitzverhältnisse darzustellen, obwohl ihnen nicht einfallen würde, eine Wahl etwa mit dem Slogan „mehr Lustgewinn für alle“ zu führen, was doch nur logisch wäre.

Wer also die Besitzverhältnisse sanktioniert, wer am Ende die Unmöglichkeit des Ausbruchs und der Selbstbefreiung ins Bild setzt, wie Lindgren in „Lieber John“, der darf unter dem Beifall des Clans der Lustgezähmten, der beherrschten Herrscher selbst es treiben, wie er will, da er es ja für die Verhältnisse tut, gegen die zu treiben andere in jedem Fall die Mannbarkeit kostet.

Coitieren für den Sieg der Liebe ist nicht besser als ehelichen Beischlaf dulden für das Zeugen von Kindern. Gerade die zivilisatorisch approbierte und herrschende Form der Sexualität, der gestaltete Orgasmus, ist die Form des pervertierten Bewußtseins, welche die Gesellschaft glaubt sichern zu müssen. Könnte man sich einer Kategorie überhaupt bedienen, solche Perversion zu nennen, ohne sich über die eigene Dämlichkeit zu ohrfeigen, es wäre die des gesunden sexuellen Lebens. Ein solches rührt zu eigenem Lob und Beweis seiner zivilisatorischen Fortbildung heute jeder Wilde, während Menschen leben sollten.

Gott sei Dank leben sie auch. Daß unter ihnen Rückbildungen auf frühere Stufen sich von Zeit zu Zeit so spektakulär ereignen, zwingt uns zum Aufgebot von alten Argumenten des Eingeständnisses unserer Ohnmacht. Doch darin ist sie auch schon überwunden, wenn auch nur als Verzicht auf die Partizipation auf der wahrhaft fruchtbaren Lebenslüge. Dafür brauchen wir die Kamera nicht abzublenden, wenn sie und er sich Lust machen. Sie und er sind wir. Ich würde das gern mal vorführen, als Film, auch dem Regisseur Thiele (actus in „Wälsungenblut“) und dem großen Antonioni (actus in deserto rossa). Doch nur augenblicksweise, denn was zu tun bleibt, großer Vater der Verfassung, ist wahrlich anderer Art.

Als Unterlage zu Bazon Brocks monatlicher Kolumne diente diesmal ein Motiv aus dem 100. Heft von „Filmkritik“. Wir danken dafür.