„Immer im Herbst“, ahoi Hamburg!
17. November 2006Gestern in der Abenddämmerung fand eine große Menge Kunststudenten, Professoren, Unternehmer und andere Interessierte in der Hochschule für bildende Künste Hamburg zusammen, um einem Vortrag mit dem Titel “Bazon Brock zu Ehren von Hans Haacke. Das Pathos der Praxis. Über Künstler ohne Werk 1960-2000″ Gehör zu leisten. Die Rede suchte Anschluß an den 1. Oktober 1965. Ein jüngerer Brock trat damals als Professor an die schweren Kirchentüren der Hochschule am Lerchenfeld und hatte auf den ausgestreckten Unterarmen zwei weithin offene Leitz-Ordner ausbreitet – nun, in welcher allegorischen Gestalt ist der nicht-normative Ästhetiker angetreten? Schließen Sie die Augen und entwickeln Sie eine Bildbeschreibung!
Die Brocksche Rede richtete sich gestern auch an den Künstler Hans Haacke, dessen beispielhafte Arbeit derzeit in den Deichtorhallen anzuschauen und abzuschreiten ist; er hat sich unserer Idee des Parks und Parcours bedient. Sein mind mapping und Markierungssystem wäre mit dem unsrigen in der Sammlung Falckenberg zu vergleichen. Hans Haacke, der „Aufklärer der Kunst“ wie er im o. T. Magazin für Kunst, Architektur und Design genannt wird, bildet keine exotische Ausnahme, sondern wäre als Vertreter eines Werkverständnis zu betrachten, das unter dem Gesichtspunkt „Werk ist abgelegtes Werkzeug.“ lesbar ist.
Zur Sprache kam die Entlastungsstrategie der Kunst-Adressaten gegenüber den Anforderungen aus der Kunst: Wer ein Werk kauft, braucht dazu kein Wort mehr zu sagen. Vielleicht ist es gerade das Etikett Kunstwerk, das in eine stumme Erfahrung mündet, die von der Entlastung durch Aneignung, befreit von der Bürde des intellektuellen Durchdringens eines Werkes, geleitet ist. Angesichts des im Kauf erbeuteten Attraktors Kunstwerk entfällt dann die Notwendigkeit sich die bekömmliche geistige Nahrung zuzuführen. Man endet in stumpfer Anschauung ohne Begriff; weiß Gott kein unmissverständliches Plädoyer auf die Freiheit der Kunst. Das Verhalten im Umgang mit den autonomen Dingen fordert eine geschärfte Beobachtungsgabe, die im strikten Wortsinne an die Grenzen der Bestimmungen des Kunstwerks selbst ginge. Denn, nur das sei noch zu erwähnen, bereits in der Kindheit hieß es bei mir zu Hause: „Geh’ in dich, Christian – .“ Das habe ich dann getan und habe nie wieder herausgefunden… So mag es einem mitunter in der Vergegenwärtigung eines Bildes ergehen. Sollte nun das größte Kunstwerk die Menschheit zum Gegenstande haben, dann ist fraglich, ob nach Innen der geheimnisvolle Weg ginge. Tun wir mal spaßeshalber so: Dann erscheint es dem Zeitgenossen angelegen, sich zu Gemüte zu führen, dass die Zeiten vorüber sind, in denen die Mal-Sau vor der Palette sich positionierte und räsonierte über die zu entfesselnden inneren Gehalte, die überbordend aus dem Gefäß des wahlweise mal Bewusstes, dann mal Unbewusstes schöpften, um sich veräußerlichen zu wollen. Nicht mehr ist die Selbstverwirklichung auf gewebtem Untergrund angesagt: „Aber ich wollte doch bloß zu mir selbst finden!“ Am Ende fand sie zu sich selbst und es war eine irre Enttäuschung…
Darum hat die Aufklärung das großartige Konzept der Ent-Täuschungsstrategien eingeführt, um qua Desillusionierung des Betrachter, des (Bild-)Lesers, des Rezipienten etwas Licht in das Dunkel der Erfahrung zu gießen. In dieser Reihe möchten wir stehen, die durchaus in der lebendigen Anschauung sich das Gefühl zutragen lässt: O ja sicher handelt die Kunst vom Glauben bzw. von der Demaskierung des Bewusstseins. Aber ja sicher, die Kunst handelt von der Liebe bzw. von der Erfahrung, wie man sich auf kontrafaktischen Gleisen eine Existenz verschafft. Gewiss spielt die Hoffnung eine Mordsrolle in der Kunst, zumindest lässt die Herrschaft des formalen Zwangs eine solche Narren-Rolle zu. Die gesellschaftlich akzeptierte Form der Entlastung von Rationalität mündet in die Frage des erheiterten Publikums: Ja, was soll denn das? Soll das originell sein, ist es denn gut gemacht? Lieber Leser, Sie können nicht wie ein Galeriebesucher die Linien und Zeilen abschreiten und sagen: Gut, das kaufe ich. Stell Dir vor es geht, aber keiner kriegt es hin, diesen Erwachsenentest vollends zu beherrschen, also den unausweichlichen Tanz um das Scheckbuch und das Schönen der ästhetischen Bilanzen zu zelebrieren, ohne sich selbst bloß einen marginalen Bewusstseinskarneval vor Augen zu führen; eine Art von Tische und Stühle-Rücken, ein Verbrechen, dem sich bloß winzige Paragraphen beigesellen können. Eine rücksichtslose Improvisation, in der kein Mausloch offen ist. Dafür entschädigen wir mittels erhellender Lustmärsche durchs Theoriegelände. Herr Falckenberg schließt sein Haus, die Phönix-Hallen, für uns auf. Bazon und ich werden Euch in unsere pathetische Praxis geleiten und Euch zeigen: Wir sind noch nie modern gewesen!
Bis dann grüße ich Euch im Namen der Selbst-Behauptung
Ahoi
© Christian Bauer
(Am 1. November 1977 hat Bazon Brock die HfbK verlassen. Er war als Moses angetreten.)





