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Schiffbruch –
Ein Erinnerungsdienst am unbekannten Besucher

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Wir sind im Abbau begriffen, die Rettungsobjekte aus der Memoriallandschaft werden komplett eingepackt und dann in Frankfurts Schirn transportiert. Wahrscheinlich haben die Besucher des ZKM durch Bazon Brock darüber Aufschluss erhalten, dass “Kunst nicht nur in Werken zu machen, sondern auch durch Werke zu beweisen” ist (Vgl. Hans Belting: Das unsichtbare Meisterwerk. Die modernen Mythen der Kunst. Beck München. 1998. S.08). Da die Kunst in der Moderne die Erbschaft der Religion angetreten hat, ist es gleichermaßen notwendig, sie ebenfalls einer radikalen Kritik zu unterziehen. Dass die Kritik an der Evidenz des ad occulus ponere noch nicht der Stand der Gegenwartserkenntnis ist, zeigt sich immer wieder aufs Neue, wenn Rückfälle hinter diese Einsicht die Zeitgenossen dazu anhalten, die Genese künstlerischer Selbstverständnisse als von Gott gegeben hinzunehmen. Nicht in den Blick bekommen sie die historischen Anstrengungen, die den Weg zur Freiheit im ästhetischen Spiel bahnten.

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Eines der frühesten europäischen Beispiele von gewonnener Freiheit unter den Bedingungen des Zwanges ist Odysseus, der im Kampf mit den Naturgewalten sich selbst an den Mast seines Schiffes fesseln läßt, um in der Meerenge – auch noch genießend – zu bestehen. Die Gewalten des Meeres dienen als Metapher für eine Projektion, die eine “unbändige Anthropomorphie der Natur im Dienste des Subjekts” darstellt, das sich an ihr zu reflektieren vermag (Vgl. Hans Blumenberg: Schiffbruch mit Zuschauer, S. 25). Dem Selbstbewusstsein wird mittels der Distanz zum Ungeheuerlichen alles zu einer Vorstellung. Im Gewahren des Erhabenen stellt sich angesichts der konstitutiven existentiellen Unberührbarkeit etwas ein, was Blumenberg als den “transzendentalen Trotz” bezeichnet (Vgl. Ebenda, S. 59). Die gewaltige Materialfülle und übermächtige Größe von Welt bekommt das descartessche Subjekt dadurch in den Griff, wie es sich beglaubigen kann, dass es sich bloß um eine Imagination handelt. Paradox genug, aber dadurch wird die Spaltung in res extensa und res cogitans zur rettenden Kluft, zum Abgrund, der uns vor dem Sprung in eben jenen bewahrt. Wir retten uns auf die Zuschauerposition, die sich nur begrenzt in die Welt verwickeln lässt.
Hierfür ist das 1755 entstandene Gedicht “Der Sturm” von Johann Joachim Ewald ein beredtes Zeugniss:

“Die Fluten sind auf Flut, und Wolk auf Wolk
getürmt,
Das Schiff zerscheitert itzt, und mir … ist nichts
geschehn,
Weil ich den Sturme nur vom Ufer zugesehn.”

Vom Ufer des Museums aus lässt sich beobachten, was sich in der Realität kaum erträglich gestaltet. Das Museum ist eine neuzeitliche Bühne, das durchaus vergleichbare Züge mit der “Theaterpraxis” aufweist. D`Àubignac schreibt über die “Pratique du théatre”:
Das Theater ist nützlich, insofern es die Mußestunden derer verkürzt, die Unheil anrichten können.” (Zitiert nach Gustave Flaubert: Universalenzyklopädie der menschlichen Dummheit. Ein Sottisier. S. 255)

In unserem Memorialtheater haben wir ein Modell des Floßes der Medusa ausgestellt (siehe oben), mit deutlicher Referenz zu dem berühmten Gemäldes von Théodor Géricault (1817-1819). Auf dem Floß der Medusa geht die Raumnot unmittelbar in Entgrenzungsangst über, wäre da nicht die Sensation selbst, dass das Pathos der Leidenden uns so neugierig macht, dass darüber die Frage nach der Rettung und der Sorge um die Schiffbrüchigen buchstäblich in den Hintergrund verlagert wird. Zu guter Letzt bleibt ein Gedanke René Chars stehen:
“Nous n`avons qu`une ressource avec la mort: faire de l`art avant elle.

Immer wieder reportiert wird die historische Erzählung der gescheiterten Fregatte “Méduse”, die den spektakulären Anlass zu der Darstellung Géricaults bot. Mit Blumenberg bemerkt man diejenigen Momente des Desasters, die auf den Wert des Distanzgewinns zielen, der für ästhetische Wahrnehmungen ebenso entscheidend ist wie für zivilisiertes Verhaltensweisen. Mit dem Historienbild im Louvre werden zwar das Scheitern einer Unternehmung, die Verzweiflung und das Pathos angesprochen, das historische Faktum der Anthropophagie jedoch ausgeklammert. Statt dessen bilden die Leichen und die Überlebenden eine spannunsreiche Draperie auf dem bühnenartigen Floß, das als Salon-Gemälde vorführt, wie “aus einer Katastrophe Kunst geworden” ist (Julian Barnes).

Diesen Gedanken auf unsere Kulissen im Memorialtheater übertragen, hat der Besucher sich zu vergegenwärtigen, ob das scheinbar mit Naturgewalt hereingebrochene Fatum in der Historie dadurch befragbar wird, dass bei uns Entwicklungslinien aufgezeigt werden. Wie in der Kunst Pathos institutionalisiert wird, gar als Machtgeste des Künstlers, die in Ohnmacht umschlägt, lernen wir hier.

Ich komme heute nicht mehr dazu, zu erläutern, wie sich diese aufgemachten Bezüge mit der “deutschen Ideologie” eines Wagner oder Nietzsche verbinden, doch ich gelobe baldigst nachdrücklichen Nachtrag. Der soll sich beschäftigen mit dem Schiffbruch Deutschlands im 20. Jahrhundert, der aus fundamentalen Widersprüchen hervorgegangen ist, die aber auch andere Nationen plagten:

O Paradies
Der Blindheit,
Verstopft die
Ohren des Sohnes mit
Was von gestern
Gedacht wird.

Nur Einer erblich
Und der ist erblich.

(Übersetzung aus dem Tschechischen)

Rückübersetzung aus einer “Handschrift”

Oho:
Habe nie zwei
DDR-Bürger kennengelernt.
Der Tod kam aus Asien.

Oho:
Ein Steinbruch sah
Mein Gesicht im
Traum mich
An, das Kind
War ich. Was
Ist anders geworden,
Die Welt oder Ich.

Oho:
Rede ich aus
Vorsicht schlecht
Von dem, was
Ich liebe?

“Graugelb die Wolken ziehn am Fenster hin // Weißgrau die Tauben scheißen auf Berlin.” notierte Heiner Müller am 14. 12. 1994. Heute ist dieser Scheiß interessant, nicht wegen der Fäkalsprache, sondern weil die Fäkalie bedeutend wurde: Fahnen, die wie Tauben in bayrischen Winden fackeln…
Zurück zur alten Ordnung, zurück zu Panzerabwehrkanonen, die auf Geflügel schießen, es werden wieder einmal die Uniformierten sein, die die alte Ordnung der Erde errichten. Darum auch das Bild von Neo Rauch, photographiert in unserer Ausstellung im ZKM. Womit ich schließe?

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Ahoi

© Christian Bauer

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