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Zum Glück auf Erden

Nicht nur dass in der wunderbaren Residenz zu Würzburg das ungeheure Deckenfresko Tiepolos aufs Neue zu bestaunen ist nach fünf Jahren Restaurierungssarbeiten, auch ist in der Antikensammlung bis 18. Februar 2007 noch eine empfehlenswerte Ausstellung zu sehen: „Die Etrusker. Jenseitsvorstellungen und Ahnenkult“. Neben Waffen, Gefäßen und Schmuck sind auch Aschenurnen und Steinplastiken zu sehen, die das etruskische Lächeln zeigen, von dem wir seit Beginn des „Lustmarsches durchs Theoriegelände“ sprachen, um das zu demonstrieren, was Ergebenheit in das verheißt, was ohnehin zu affirmieren ist: das Einverständnis in die Bedingungen der eigenen Endlichkeit.

Schaut man sich diese Figuren an, ahnt man, was wir ohne (kulturelles) Gedächtnis sind:

„Ein Zeichen sind wir, deutungslos,
Schmerzlos sind wir und haben fast
Die Sprache in der Fremde verloren.“

(Hölderlin, Mnemosyne, Zweite Fassung)

Noch andere Aspekte kommen in der Sammlung zur Sprache, die uns auf dem Lustmarsch begegneten. Die Archäologen präsentieren im Martin-Wagner-Museum auch Ausschnitte der Wandmalerei aus der Tomba degli Auguri. Links neben dem Kopf des Maskierten steht leicht unleserlich sein Name in etruskischen Schriftzeichen: „Phersu“. Sein Opfer trägt einen Sack über dem Kopf. Blind für das, was eigentlich mit ihm geschieht, wird dem Opfer derjenige Zwang angetan, den moderne Subjektivität verherrlicht: Man habe eine Rolle in der Welt zu spielen!

Anschluss findet man in Bazon Brocks „Ästhetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit“, wo Phersu als derjenige Gott angesprochen wird, „der jedem denselben Namen gab: Person“ (Vgl. S. 388 f.). An angegebener Stelle findet man im Ausgang von etruskischen Darstellungen eine ganze Reihe von Persönlichkeitstheorien, die von den maskenartigen Zügen unserer Persönlichkeit handeln. Die Rolle, die wir im Wechselspiel mit unserer Umwelt einnehmen, ist das, was Theodor W. Adorno nicht ohne Grund den „Verstrickungszusammenhang“ genannt hat (Vgl. hierzu: die Neujahrsansprache der Kanzlerin, die Reformwillen bekundet („Wieso –, will sie ihren Platz räumen?), der für uns als neuer Rollenzwang erscheint: „Gebe deine Ansprüche auf soziale Sicherung zu Gunsten eines potentiellen Arbeitsplatzes preis!“ – Ach, würde sie doch zumindest eine Maske tragen und nicht dieses aufgesetzte Lächeln, das dem Zuschauer die Beschneidung seiner Chancen auf Absicherung schmackhaft machen soll.) Sind wir schon einmal bei diesem Thema, so schaue man sich zeitig im Residenzgarten die wohlproportionierten Buchsbäume an: Sie werden von den Gärtnern in Kugel- oder Pyramidengestalt gehalten. Sie sind das lesbare Zeichen dessen, was demokratischer Absolutismus für das Wahlvolk heute heißt: Gebe Dich klar und deutlich für Andere zu erkennen! Mache den Bock zum Gärtner und spiele eine dämonisch umrissene Rolle, als was auch immer, ob als Kugel oder Quadrat! Achte auf die Geister, die an Deinem Stamm nisten; es sind Pans-Gestalten, die im Schatten der Bäume lauern, um in der Mittagszeit eine Touristengruppe in kurzweiliges Entsetzen zu versetzen.

In und um die Residenz wuchern die Analogien zu unserem „Lustmarsch“. Ein Spaziergang durch den herrlichen Residenzgarten belehrt uns über die fürstbischöfliche Zeichengebung. Auch hier hat ein Baumeister in einem Parcoursgelände sein Weltbild ausgestellt, anrüchiger als man es im Garten eines Geistlichen vermuten dürfte. Putzig die Putti Peter Wagners, die schelmisch auf Balustraden und Podesten in die Landschaft grinsen und mit allerlei Rollen kokettieren. Ob als die Schalmei blasender Schäfer oder als spielerisches Liebespaar, sie geben Anlass zu schicklichen Unterhaltungen! Solchermaßen erfrischt, steige man wieder empor in die Antikensammlung und vergleiche: Ist nicht die Nachbildung der Hauptkammer der Tomba François (Vulci) mit einzigartigen Wandmalereien versehen! Ist nicht die dargestellte Gewaltszenerie in Analogie zu den Bedeutungen unseres Thomas-Mann-Zimmers auf dem „Lustmarsch“ lesbar? Haben nicht auch wir mit den Gräbern, mit den Jenseits- und Wiederauferstehungsvorstellungen gearbeitet, um darzustellen, wie, trotz aller Brüche, eine unglaubliche Kontinuität der Imaginationswelten den Menschen seit Jahrtausenden in Beschlag nimmt? Dem Menschen die Grenzen seiner Macht und seiner Willkür aufzuzeigen, war eine Bestimmung unseres Unterfangens. Die anderen Themenbereiche könnt ihr bald nachlesen, wenn es uns gelungen ist, ein schriftliches Zeugnis unserer action teachings vorzulegen. Ein Grund, um sich auf 2007 zu freuen, und ein weiterer: Wir werden wieder auf Tour gehen, diesmal unter dem Titel „Passion Europa. In defense of humanism.“

Zuvor aber noch herzlichen Dank für die gewährte Unterstützung! Wir möchten allen Menschen danken, die uns dieses Jahr begleiteten! Merci vielmals für die empfänglichen und treuen Seelen, die es uns ermöglichten, eine denkwürdige Rolle zu spielen! Und um zu wissen, was die Zukunft verheißt, schauten die Etrusker in die Leber – Prost Neujahr!

Bis auf ein Wiedersehen grüßen Euch ganz herzlich und sagen

Ahoi

Bazon Brock und © Christian Bauer

  1. Kommentar von Philipp:

    Lieber Christian,

    es freut mich, dass unser Lustmarsch durch Wuerzburg hier einen anregenden Niederschlag findet.

    Ich nutze die Gelegenheit und danke Euch herzlich fuer die gemeinsame Zeit und nutzbringende Einfluesse auf diversen Gewaltmaerschen u.a. im Haus der Kunst in Muenchen.

    Ich freue mich auf zukuenftigen Austausch und wuensche Dir Christian das Beste fuer Deine anstehende Arbeit.

    Liebe Gruesse aus Providence, RI USA

    Dein Kompagnon

    Philipp

  2. Kommentar von Trimalchio:

    Würzburg, Perle am Frankenmain, übervoll Frankenwein, Venedig, Versailles, Rom des Nordsüdostwestens! Reizend - ganz reizend! Und ganz neue Aspekte bzgl. Putten, die ich bisher immer für banales Schmuckwerk am Rande des Kulturkitsches zu halten geneigt war! Aber man weiß ja: Alles ist Rolle, und so heißt der Vorsatz fürs neue Jahr: Rollen reflektieren, gegebenenfalls aus der Rolle fallen, Rollen tauschen, evtl. von der Rolle sein…aber nicht zu viel des pseudorevolutionären Pastoralduktus.
    Dankschön, Toni

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