Zivilisierte Räume: Er-Öffnungen zwischen dem
Politischen und dem Ästhetischen.
Am 24. November ehrten wir den großen Zivilisationsheroen Mustafa Kemal Atatürk („Vater der Türken“). Gazi Mustafa darf erwähnt sein, war er doch einer der wenigen Politiker im 20. Jahrhundert, der mit der Einführung des laizistischen Konzepts in der Türkei das Signal gab für eine der bedeutsamsten Strategien zur Bewältigung der nicht endenden Kulturkämpfe: die Musealisierung. Er entschärfte als republikanischer Reformer einen Brennpunkt zwischen dem muslimisch geprägten Orient und dem christlich angehauchten Okzident, indem er das seit 1453 zum muslimischen Gotteshaus transformierte Gebäude der Hagia Sophia eine neue Bestimmung zuwies. Dieses Baukunstwerk spielt(e) eine Schlüsselrolle im Verhältnis zwischen dem Christentum und dem Islam. Die Hagia Sophia in Istanbul war die Hauptkirche der orthodoxen Welt. Nach der türkischen Eroberung der Stadt wurde sie 1453 in eine Moschee umgewandelt. Atatürk war es, der die „Heilige Weisheit“ 1935 in ein Museum verwandelte. Als Papst Paul VI.1967 in der Hagia Sophia auf die Knie fiel, um zu beten, empörte er nicht nur viele türkische Muslime, denn sie sahen in dieser demonstrativen Geste die Erneuerung des christlichen Anspruchs auf die „Aya Sofia“. Auch Sultan Mehmet II. warf sich nach der Eroberung Konstantinopels 1453 in der Hagia Sophia zu Boden, um Allah anzurufen, wodurch aus der Kathedrale der Christenheit eine Moschee wurde. Aber es darf ein für alle Mal gesagt werden: Im Museum ist beten verboten!
Wir sollten uns an Atatürk halten und die politische Säkularisierung weiter voran treiben und dabei nicht die Bedeutung des Militärs außer acht lassen. Die türkische Armeeführung macht es heutzutage vor, denn sie garantiert in letzter Konsequenz die Geltung der Blüte Demokratie. Das ganze Jahr über spähte ich in fremde Gärten, spitzte um Ecken in fremden Städten, nicht ohne zwischen den Zeilen von dem Begehren zu berichten, dass mir nicht fremd ist, in der Fremde in eine unbekannte Wohnung, und damit in eine unversehenes Weltmodell Einlass zu finden. Schmiegte mich in den Netzestädten von Wohnstatt zu Wohnstatt, obschon die Aufenthaltsorte nur noch Orte von begrenzter Verweildauer waren.
Der aus dem Koffer lebte, suchte zwischen den Klappentexten einen stilistischen Flecken zum Ausrasten:
„Auf solchen Wegen gibt es kein größeres Verlangen, als in eine fremde Wohnung einzutreten. Von einem mich erwartenden Menschen begrüßt, empfangen, hineingebeten zu werden, das Zuhause dieses gestandenen Unbekannten mit verstohlener Neugier zu mustern. Denn nie ist das Zuhause eines fremden Menschen einladend für uns, nie gefällt es auf den ersten Blick. Es befremdet weit mehr als der Fremde selbst. Das Ambiente, das er sich schuf, und was er da an Dingen und Kleinigkeiten bevorzugt, der persönliche Geschmack, wie verräterisch ist das alles! Man wagt gar nicht genauer hinzusehen, denn sein Zuhause verrät ja alles auf einmal, was man an dem Menschen erst Zug um Zug entdecken würde. Ganz anders als seine Kleidung, seine zweite Haut, sie gefällt ja oft auf Anhieb, oder gefällt nicht, aber sein Wohnen, die dritte Haut, befremdet immer.“
(Botho Strauß: Untenstehender auf Zehenspitzen, S.99 / 100)
Schaffen wir uns den nicht einen Zugang zur Innenwelt des Gastgebers, wenn wir uns für Momente oder Stunden hineinversetzen, wie es sich wohl zugetragen haben könnte, dass eben jene Gegenstände zur Beute und zum Schmuck ihm wurden? Sicherlich formuliert Botho Strauß reichlich apodiktisch und nimmt von der Möglichkeit der Erkenntnis des anderen Menschen den anheimelnden Reiz des dennoch Vertrauten hinweg. Er hat sich wohl verstrickt in den Netzen zwischen den Netzen, die sich unter seiner Schädeldecke in der Gestalt des Neokortex zusammenziehen. Durchfahren von den Zuckungen des Lebendigen und Nekrotischen, erkennen wir uns selbst gerade im Befremdlichen.
Mit dem (weh-)mutigen Gefühl des allmählichen Ausklangs unserer Tournee grüße ich Euch
Ahoi
© Christian Bauer




