Sagt Bazon Brock die Wahrheit?
Ein Zwiegespräch mit Jacques Derrida, Teil 12
Im früheren Abend, Anlanden mit Schiffskurs 210
Die “Stadt Zürich”, so hiess der Raddampfer, glitt vibrierend durch die fast glatte Oberfläche des Zürcher Seebeckens, die Räder spiehen Gischt und die Sonne schickte sich an, langsam hinter dem Horizont ferner Hügel zu verschwinden. Jacques Derrida und ich sassen immer noch im Schiffsheck. Nach längerem Schweigen und Geniessen des Fahrtwindes wandte ich mich wieder an meinen Begleiter:
Bazon Brock betrachtet das Konzept der Autorenschaft als eine zutiefst europäische Errungenschaft, welche wir der Aufklärung verdanken. Sie selbst, Jacques Derrida haben sich noch in einem der letzten Interviews vor ihrem Tod fast vermächtnisartig zu Europa geäussert.
Sie sprechen wahrscheinlich von meinem Gesprächen mit Jean Birnbaum; ja, tatsächlich. Wenn ich heute den Gedanken der Autorenschaft auch im Sinne von Bazon Brock aufnehme, dann meine ich, dass gerade auf Basis der enormen Schuld, welche die europäische Kultur durchzieht durch Totalitarismen, Nazismus, Genozide, Shoa, Kolonisation und Dekolonialisation und so weiter, dass dieses Europa - vielleicht Kraft seines Gedächtnisses für seine Schuld, sich dem aufklärerischen Konzept der Autorenschaft gewahrer wird.
Sie meinen, dass die Europäer wacher sind für das Konzept der Autorenschaft?
Ich spreche von einem kommenden Europa, das sich noch sucht. Und in diesem Zusammenhang zögere ich nicht, “Wir Europäer” zu sagen. Die Wurzel dieses kommenden Verständnisses für Autorenschaft wird meines Erachtens schliesslich im Bewusstsein dessen gründen, was ich in unseren früheren Gesprächen die “ironische Unterströmung” nannte….
Der Raddampfer hatte inzwischen an der Pier in Zürich angelegt. Die Passagiere wurden aufgefordert das Schiff zu verlassen. Gehen Sie nur, Robert, sagte Jacques Derrida leise, gehen sie nur, ich bleibe noch hier. - So haben wir uns verabschiedet und ich ging an Land.

Anhang: Die Quellen zu diesem fiktiven Gespräch mit Jacques Derrida waren:
- Bazon Brock (1978): Aesthetik der Vermittlung. Arbeitsbiographie eines Generalisten. Schriften 1991-1977. Köln Dumont
- Bazon Brock (1986): Aesthetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit. Die Gottsucherbande . Schriften 1978 - 1986. Köln Dumont
- Bazon Brock (2002): Bildersturm und stramme Haltung. Ausgewählte Texte von 1968 -1996. Hamburg, Philo Verlagsgesellschaft
- Bazon Brock (2005): Der Barbar als Kulturheld - Aesthetik des Unterlassens. Kritik der Wahrheit. Wie man wird, der man nicht ist. Schriften 1991- 2002.Köln Dumont
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- Jacques Derrida (1990): Heidegger et la question. Paris, Champs / Flammarion
- Jacques Derrida (1993): La verité en peinture. Paris, Flammarion Lettres
- Jacques Derrida (1993): Falschgeld. Paderborn, Fink (Wilhelm)
- Jacques Derrida (2001): Einige Statements und Binsenwahrheiten über Neologismen, New-Ismen, Post-Ismen, Parasitismen und andere kleine Seismen. Berlin, Merve
- Jacques Derrida (2001): L’université sans condition. Paris, Galilée
- Jacques Derrida (2002): Marx & Sons. Paris, Galilée
- Jacques Derrida (2003): Eine gewisse unmögliche Möglichkeit, vom Ereignis zu sprechen. Berlin Merve
- Jacques Derrida (2003): Voyous. Paris, Galilée
- Jacques Derrida (2005): Chora. Wien, Passagen
- Jacques Derrida (im Gespräch mit Jean Birnbaum) 2005: Leben ist Überleben. Wien; Passagen Verlag.
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- Ludwig Wittgenstein (2003): Logisch-philosophische Abhandlung. Tractatus logico-philosophicus. Nachw. v. Joachim Schulte. Frankfurt, Suhrkamp
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Hinweis: Das Konzept “Ironische Unterströmung” stammt allein von Robert le Optimiste und von keinem andern der oben genannten Autoren. Wil u. Zürich, November 2006 - mailto:robert.bernhart@bluewin.ch