Einführung in den Fundamentalismus. Kap. 2:
“Ökomene des Schreckens”
Die allseits enttäuschten Erwartungen und der Umgang mit ihnen waren gestern das Thema. Ist es nicht enttäuschend, wenn ein Mensch nicht eine einzige Person in der Weltgeschichte oder in der Mythologie findet, mit der er sich identifizieren könnte, die eine vorbildliche Vorlage zur Wahrnehmung und Interpretation des eigenen Lebens lieferte? Damit hat nicht nur Bazon Brock zu kämpfen, sondern unsereiner auch, wenn er nicht eben Boris Becker heißt.
Was aus den historischen Alternativen wurde, gehört in die uchronische Geschichtsschreibung. Dort wird erfasst, was sich aus unterlassenen Taten zusammensetzt, sich also nicht direkt in Dokumenten niedergeschlagen hat, aber auch nicht spurlos geblieben ist. Mit diesem Phänomen ringt der moderne Mensch, der “Complexius Complexsissimus” (BB), der die Durchsetzung und Vollendung der Theologie mit den Mitteln der Technik betreibt, mikrophoniert, mailt, in der Video-Präsentation die Toten auferstehen läßt. Funktioniert der Apparat einmal nicht, liegt neben dem Hörer ein Zettelchen: “Im Falle einer Störung rufen Sie bitte an.” Die Anrufung führt geradewegs zu einer Verbindung aus Psychiatrie und Lagerhaft: das Call-Center, wo die Unendlichkeit der Endlos-Schleifen, Verdrängungen, Loops den Anruf in seinem Begehren nach Antwort kaserniert.
“Ich habe stets von ihm gewußt,
nun hockt er schwer auf meiner Brust.
Er ist der Strick. Ich bin das Kalb.
Ich bin sein Traum. Er ist mein Alb.”
(Vgl. Robert Gernhardt: Er und Ich. In: Gedichte 1954-1997. Haffmans.)
Augiae cloacas purgare. - Um den Stall der Erleuchteten und Erweckten auszumisten, hat man sich den Theologien des Terrors samt ihren Durchsetzungs- und Erzwingungsstrategien zuzuwenden. Das ulkige an den unterschiedlichsten Parteiungen fundamentalistischer Positionierung ist ihr heimlicher Konsensus in einigen bedeutsamen Punkten: Sie stimmen in der Konzeption des zweiten Kommens Christi (Isa) und der Erscheinung des Anti-Christen überein. Sie folgen der Beschreibung großer Schlachten in den letzten Tagen zwischen den Mächten des Glaubens und des Unglaubens. Sie Träumen den Schlaf der Vernunft in der Obsession eines militanten Messianismus. So bilden sie, wie in dem Buch von Viktor und Viktoria Trimondi “Krieg der Religionen. Politik, Glaube und Terror im Zeichen der Apokalypse.” im Fink-Verlag 2006 erschienen und dargestellt, eine “Ökomene des Schreckens” (Vgl. Ebenda. S. 525), die in eine apokalyptische Matrix gespannt ist.
Auf dem Marktplatz der Prophezeiungen herrscht heftigste Konkurrenz, eine wahre Vernichtungskonkurrenz. Das eliminatorische Prinzip vereint die Gegner, ebnet vor dem Hintergrund religiöser Überzeugungen selbst noch die Unterschiede zwischen dem Höchsten und dem Niedrigsten, zwischen den Bewohnern “Weißer Häuser” und dem Mittel- und Obdachlosen ein. Denn alle sind sie die Gestalten und Gestaltungen einer Kundschaft, die dem Glauben an Zukunftsvis- und missionen verfallen ist. Sie alle verbindet die Selbstermächtigung im Namen Gottes, verbindet im Grunde die Sehnsucht nach dem Paradies…
Grundproblem ist, ich hatte es gestern bereits erwähnt, die Popularität von “expressis verbis” - Interpretationen “heiliger Texte”. Diese sind verführerisch für Massen, die sich dem “mysterium tremendum” hinzugeben bereit sind. Religionsforscher wie Rudolf Otto und René Girard wurden nicht müde zu betonen, dass die Wirksamkeit von Religionen aus einer sakralisierenden Struktur der Furcht und des Schreckens herrührt. Gewalt als Heiligungsstrategie ist dann das Äußerste, das schamvoll geneigte Haupt und Zittern des Gläubigen, wenn er seiner Gottheit sich nähert, das andere Ende einer Skala, die sich noch weiter und noch delikater öffnen ließe, - hätte man nicht den Tremor.
Es sind die Schleußen geöffnet: Liebe, Güte, Mitmenschlichkeit hätten eine Zugang, werden jedoch überstiegen von der Gewalt des Heiligen, die sich in der Vernichtung des Menschen und auch des übrigen Lebens äußert. Im Grunde gilt die Verachtung des Fundamentalisten allen Formen des Lebens, sofern es dem Satan, also dem Unglauben verfallen ist.
Ich lebe solange, wie ich erzählle, berichte, schreibe und grüße alles Leben mit einem
Ahoi
Christian von den Feldern
Nachtrag: Wir wollen noch Dr. Fabian Steinhauer für seinen raffinierten Vortrag im Zuge des gestrigen Lustmarsches danken und dem Photographen Tom, der uns die Bilder von der Demo zur Verfügung gestellt hat.
7. April 2006 um 17:46
hallo christian… habe in meinem blog auch noch verschiedene hinweise gemacht. (siehe unten) ! ich finde es WIRKLICH sehr wichtig auf das thema “fundamentalismus” einzugehen. gegen JEDEN fundamentalismus. und nicht nur jenen einen… you know
)
http://rebell.kaywa.com/bazonbrock/der-mensch-ist-feind-dessen.html